==>
ALLES ÜBER
VITAMINE
Vitamine: Wunderwaffe
oder Krankmacher?
Sie sind beliebte Fitmacher. Aber bei falscher Dosierung
machen sie uns krank. Nur langsam wird den Wissenschaftlern klar, wie Vitamine
wirken. Max verrät, welche Vitamine wann helfen und wie sie uns schaden
können. Im großen Vitamin-Special: 14 Powerstoffe, fünf Vitamintypen
und die richtige Dosis
Etwas Rätselhaftes ging vor an Bord der beiden Karavellen
"Berrío" und "São Gabriel". Die Besatzungen des Seefahrers Vasco
da Gama waren schon seit Tagen seltsam apathisch. Jetzt klagten sie über
Muskelschmerzen, und einige lagen kraftlos auf ihren Strohlagern, die Gelenke
entzündet, das Zahnfleisch blutig. Als da Gamas Schiffe nach der Rückreise
aus Indien den Hafen von Lissabon erreichten, hatte eine mysteriöse
Krankheit einen Großteil der Mannschaft dahingerafft: Skorbut.
Ein paar Kisten Zitronen hätten da Gama und vielen anderen
Seefahrern im 15. Jahrhundert geholfen. Ihnen fehlte Vitamin C, ein unscheinbares
Molekül mit der Formel C6H8O6. Eines von 14 bekannten Vitaminen, die
das Leben in Gang halten. Die wie Öl sind im Getriebe des Stoffwechsels.
Ohne sie nimmt die komplexe Maschine Mensch unweigerlich Schaden. An fast
allen Prozessen sind Vitamine beteiligt: beim Wachstum von Knochen, bei der
Abwehr von Keimen, bei der Produktion von Geschlechtshormonen.
Jahrzehnte hat es gedauert, bis sie entschlüsselt waren;
das Vitamin B1 war 1897 das erste. Für ihre Entdeckung und Erforschung
erhielten zwölf Wissenschaftler den Nobelpreis. Der polnisch-amerikanische
Biochemiker Casimir Funk bekam keinen, aber er gab ihnen 1912 den Namen: "Vita"
steht für Leben.
Die richtige Menge
Nur winzige Mengen benötigt der Körper: In Bananen,
Karotten oder Kopfsalat sind sie verborgen, aber auch in Schweineleber, Sonnenblumenöl
oder Hering. Doch selbst diese Dosis halten Viele nicht ein: Jeder Deutsche
verzehrt im Schnitt gerade mal 260 Gramm Obst und Gemüse pro Tag. Die
DGE hingegen empfiehlt die Menge von 600 Gramm: ein Drittel frisches Obst,
der Rest Gemüse, davon die Hälfte möglichst roh. Denn nur unverarbeitet
liefern Apfel, Gurke und Co. neben den Vitaminen besonders viel Gutes: Die
so genannten sekundären Pflanzenstoffe sollen Wunder wirken im Kampf
gegen Krankheiten. So wenig sie bisher erforscht sind, so viel wird ihnen
zugetraut. Sie sollen Entzündungen hemmen, Tumore blockieren oder den
Blutdruck senken können.
Vorsicht, Überdosis!
Wenig weiß die Wissenschaft bisher
auch über die schädliche Wirkung von Vitaminen. Zwar gelten die
schwach rationierten Multivitamintabletten aus dem Supermarkt als ungefährlich.
Hoch dosiertes Vitamin C aber geriet in Verdacht. Amerikanische Forscher hatten
bei Versuchen an Zellkulturen entdeckt, dass der Radikalfänger die Gensubstanz
beschädigt. Auch wenn die Studie nicht hergibt, dass Vitamin C Krebs
erzeugt: Den Forschern dämmert, dass Gut und Böse oft eng beieinander
liegen.
Das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz
und Veterinärmedizin warnt starke Raucher sogar vor der Einnahme von
Betakarotin-Präparaten. Überschreiten sie eine Menge von 20 Milligramm
pro Tag, steigt bei ihnen das Lungenkrebs-Risiko. Das Problem: Einigen Lebensmitteln
ist inzwischen Betakarotin, etwa als Farbstoff, zugesetzt. "Viele Verbraucher
wissen nicht, dass sie mit angereicherten Säften leicht zu hohe Mengen
aufnehmen können", mahnt Ernährungsforscher Watzl. Als heikel gelten
auch die Vitamine A (kann bei Schwangeren die Frucht schädigen) und D,
das bei einer Überdosierung die Entstehung von Nierensteinen begünstigt.
Ins Reich der Mythen gehört übrigens die These,
ein Glas heiße Zitrone vertreibe jede Erkältung. Wahr ist leider:
Vitamin C ist sehr empfindlich gegen Hitze. Wer bei einer heißen Zitrone
auf den totalen Vitaminschub vertraut, liegt daneben. Mal abgesehen davon,
dass wissenschaftlich nicht bewiesen ist, ob das Vitamin das Immunsystem überhaupt
stärkt. Beruhigender, aber vielen genauso unbekannt dürfte der
Umstand sein, dass eine leckere Portion Pommes aus der Bude zuweilen mehr
Vitamin C enthält als Mutters Salzkartoffeln. Die Fritten werden meist
direkt zur Erntezeit verarbeitet und verlieren daher wenig Vitamine.
|